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Voilà, un homme!


Teodor Currentzis. Ich wiederhole, My Lords, Ladies, and Gentlemen, verehrte Damen und Herren, MessieursDames, – Teodor Currentzis. Und noch einmal: Teodor Currentzis.

Es hieß von Furtwängler, dass, wenn er fast unbemerkt den Probensaal betrat, sich die Wiener Philharmoniker wandelten, allein durch seine Präsenz. “Der Klang stieg auf förmlich”, wie mir Marcel Prawy kurz vor seinem Tode einmal erzählte, “nur, weil er im Parkett saß.”

Man merkt immer, wenn ein Genie im Raum ist. Hier nun merkt es ein ganzer Konzertsaal. Der gerade zusammenschmilzt, zum Wichtigsten des ganzen Erdkreises. Keine Ahnung, was in der Royal Elisabeth Hall gerade läuft, oder in der Disney Concert Hall, oder im Goldenen Saal.

Hier, jetzt, nun geschieht Musikgeschichte. Und es dirigiert Teodor Currentzis.

Hier ist dieser Mann. Dieser – Glück für uns alle! – junge Mann. Ihn zu hören allüberall wird jetzt mein Bestreben sein. Von L.A. bis Macao, von Mumbai bis Miami, von Katmandu bis Kuala Lumpur.

Er dirigiert bis in die Fingerspitzen, ja, hier aus dem 16. Rang empfiehlt es sich, keine Sekunde des Auges am Glase sich entgehen zu lassen, denn dort unten entfaltet sich ein Phänomen, nein, – Der König tanzt.

Ich habe Arturo Benedetti Michelangeli einen ganzen Chopin Zyklus ohne falschen Ton spielen hören. Jessye Norman sang für mich allein Stravinsky in einer Hotelsuit in Knightsbridge. Ich war anwesend, als Sergiu Celibidachie die “Pathétique” gab.

Und nun höre ich Teodor Currentzis.

Wie, in Gottes Namen, soll man ihn beschreiben? Dieses Phänomen, diese Kraft, die sich da über ein Orchester, nein, eine ganze Klangphilosophie, nein, über das ausverkaufte Haus legt?

Der Fluch des geschriebenen Wortes ist die Inflation. Ein “Genie” auszurufen ist heute so einfach, wie Heidi Klum zu einem “Top Model” zu verklären. Verkauft sich gut, gibt Auflage, reißt die Augen auf. Aber – geschworen auf die Gräber meiner Väter – ich glaube, heute Abendeines Genies teilhaftig geworden zu sein.

Hat es doch gerade noch das gesamte Programm umgestellt, das Genie, und so beginnt der für mich in die Geschichte eingehende Abend mit einem Ukrainer, dem man ja zur Zeit alles verzeihen würde, aber “Glossolalie für Orchester” dann nun doch nicht, werter Oleksandr Shchetynsky, – da steht im Programm etwa 15 Minuten, gehört sind es 45, wie Sie das schaffen, ist mir ein Rätsel, aber dabei wollen wir es auch belassen, wenn wir weiter Freunde sein wollen.

Folgt doch nun das Konzert für Viola und Orchester von Jörg Widmann, das ohne Einsatz des Dirigenten beginnt und genauso weitergeht. Vor mir ein Paar aus Wuppertal, nun, nach zwanzig Minuten der für mich bestechendsten Moderne, rein und klar, greift er im Freizeithemd nach der Hand seiner Frau – da bucht man sich schon mal eine Busreise nach Hamburg samt Elphi, und dann ist Guantanamo plus Waterboarding besser.

Doch so mag man es eben in Wuppertal sehen. Entfaltet sich doch hier ganz anderes. Vielmehr, ein anderer: Antoine Tamestit.

Erwähnte ich schon die Einzigartigkeit des Abends? Denn da tanzen sich gerade zwei entgegen, der Mann mit der Viola, über die ganze Bühne, und der Mann ohne Taktstock, der die ganze Bühne beherrscht. Ja, beherrscht. Historisch, unumwunden.

Pause. In Besorgnis der Wuppertaler finde ich die Nische an der äußersten  Kante des Außenbalkons und hoffe inständig auf Schostakovitch, fürchte aber, dass sich Wuppertal über die Brüstung 25 Meter hinunterstürzt. Mir einerlei.

Und dann das Wunder. Im Sinne des Wortes: Ein Wunder!

Man kann jeden Morgen nach dem Levée um 7.30 zu einer Tasse Espresso und der ersten Zigarette Shostakovitch hören, sein 2. Klavierkonzert, vorzugsweise die Aunahme von 1992 mit der großen Tatjana Nicolayevna, das mit dem wunderbaren zweiten Satz, dem Adagio, das der Meister seiner Frau widmete. Man kann getrost auch in “besserer Gesellschaft” Shostakovitch sagen, und die Gastgeberin sagt, “Gesundheit!” und reicht einem ein Taschentuch. Man kann sich auf diese epochale 5. Symphonie freuen, wie ein Kind. Aber Wuppertal vor mir hat jetzt nur noch die nackte Angst. Am liebsten möchte man jetzt vorflüstern ” Fürchte Dich nicht, denn Siehe! Ich verkündige große Freude!” 

Doch dazu ist es jetzt zu spät. Und ein Feuerwerk beginnt.

Teodor und Dimitri sind ein Liebespaar. Platonisch, sicherlich, bien sûr, – aber schon beim 2. Satz glühe ich vor Eifersucht… Und hat man vorher noch verzweifelt über die Schulter des Maestro in die Partitur gespäht, in der Hoffnung nur das Ende, endlich das weiße Blatt zu sehen – hier wünscht man sich, die Symphonie ginge und Klänge ewig so weiter!

Es ist keine gute Idee, einem Diktator zu mißfallen, vor allem nicht, wenn der Josef Stalin heißt. Als sich auch alle seine Freunde von ihm abwenden, schreibt Schostakowitsch, man erfährt es erst nach nun wiederum seinem Tode 1975: “Es muss jedem klar sein, was in der Fünften geschieht. Irgendjemand schlägt Dich mit dem Stock und schreit ‘Du musst Dich erfreuen, Du musst Dich erfreuen!!!’ Du erhebst Dich erschüttert, und gehst murmelnd davon, ‘ich muss mich erfreuen, ich muss mich erfreuen.’.

Teodor Currentzis, merken Sie sich, ich flehe Sie an!, diesen Namen, genau wie “currency” die “Währung” in English  – dieser junge, agile, hundertarmige Mann mit den blitzenden silbernen Manschetteknöpfen wird der Goldstandard unter den Dirigenten werden, nein, er ist es schon.

— 

SWR Symphonieorchester

Antoine Tamestit Viola

Dirigent Teodor Currentzis

PROGRAMM

Alexander Shchetynsky
Glossolalie für Orchester

Jörg Widmann
Konzert für Viola und Orchester

– Pause – 

Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47


Zugabe:

Johann Sebastian Bach
Jesus bleibet meine Freude / aus: Herz und Mund und Tat und Leben BWV 143

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